Nicht als erster deutscher Student ist ROBS im Oktober 2011 für ein Jahr nach Israel an die Tel Aviv University gegangen. Aber sicher ist, dass es ein einzigartiges Erlebnis ist, an dem ich die Leser dieses Blogs teilhaben lassen möchte. ABSOLUT ROBS dokumentiert die Vorbereitungen des Aufenthalts und dann natürlich intensiv alles, was in Israel erlebt wird: Land, Leute, Politik, Religion, Küche, Wetter ... Auch Links und eigene Einschätzungen zu aktuellen politischen Themen im Nahen Osten werden hoffentlich nicht zu kurz kommen und so weiter Verständnis für das Leben im Nahen Osten schaffen. ABSOLUT DANKE fürs Lesen, ROBS
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Lang lang ist es her: Monatelang prangte meine schmerzverzerrte Fratze auf der Startseite meines Blogs. Es sollte der letzte Eintrag aus Israel sein. Jetzt, bald drei Monate nach meiner Rückkehr aus Tel Aviv, möchte ich die knapp anderthalb Jahre in Israel Revue passieren lassen und diesen Blog für’s erste beschließen, weil mir zukünftig ein wenig die Zeit fehlen wird, was Neues zu schreiben und außerdem ist Berlin eben nicht so sehr voll mit atemberaubenden Neuigkeiten wie es eben noch in Tel Aviv der Fall war.

Nachdem ich noch am 22. Januar die Knesset-Wahlen miterlebt habe, sollte es keinen ganzen Monat später am 21. Februar zurück nach Deutschland gehen. Während dieses einen Monats habe ich nochmal versucht, die Israel-Luft auf Reserve einzuatmen.

Ich…

…bin zu Spielen von Maccabi Tel Aviv gegangen.image

…bin stundenlang durch die Straßen Tel Avivs gewandert.image

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…habe den Gebrauch der israelischen Ordonnanzwaffe „gelernt“.imageimage

…war im israelischen Fernsehen.image

…aß nochmal den besten Humus Israels bei Abu Hassan.image

…habe die letzten Sonnenuntergänge am Mittelmeer genossen.image

…habe die besondere Atmosphäre Jerusalems aufgesogen.imageimage

…bin durch die Negev-Wüste gewandert.image

…habe Zeit mit meinen Freunden verbracht.image

…habe Souvenirs eingekauft.imageimage

Aus Monaten, die man anfangs noch übrig hatte, wurden schnell Wochen und Tage. Und ab drei Tagen vor Abflug wurden auch schon die Stunden gezählt. Abschieds-Frühstück, Abschieds-Drink, Abschieds-Dinner – bei allem wollten meine Freunde mit dabei sein.

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Doch es hat alles den Abschied nur schwieriger gemacht. Jedes Kleidungsstück, das in den Koffer wanderte, brachte mich den Tränen näher. Das Packen wurde eine Riesenqual. Nicht zuletzt, weil ich alles auf zwei Koffer zu 32 und 23 Kilogramm aufteilen musste. Daraus wurde letztlich nichts, sodass noch ein großes Paket fünf Minuten vor Postschließung an meinem letzten Tag auf den Weg vorgeschickt wurde.

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Nachdem ich zum Flughafen gebracht worden bin, sickerte es langsam durch: Das war’s! Zum Abschied gab es noch eine letzte (scheußliche) Portion Flughafen-Humus…image

…und pünktlich zum Abflug ging die Sonne wieder auf.image

Zu der eh schon für mich eher traurigen Stimmung kam hinzu, dass mir meine Freunde sogenannte Plane Letter geschrieben haben: Briefe, die ich erst im Flugzeug lesen sollte. Bei meinem Anblick mussten sich die anderen Passagiere denken, da flöge jemand psychisch Labiles zu der Beerdigung seiner gesamten Familie. Bei meinem mehrstündigen Stopp in Wien konnte ich etwas runterkommen, aber große Freude kam auch nicht auf, als ich in Hannover von meinen Eltern empfangen wurde.image

Nach knapp einer Woche in Hannover ging es auch schon weiter nach Berlin, wo ich mein Praktikum beginnen sollte. In der Bundeshauptstadt freue ich mich jedes Mal, wenn ich Hebräisch zu Hören kriege oder “Anspielungen” sehe.image

An Humus mangelt es mir dank der vielen Araber selbst hier nicht, es mangelt lediglich an gutem Humus. Für adäquaten Ersatz sorge ich selbst.image

Tel Aviv und Israel vermisse ich in sehr, aber das auch in Schüben. Teilweise gibt es Tage, da möchte ich mich am nächsten Tag in den Flieger setzen und für etwa eine Woche zurückkehren.

Die anderthalb Jahre in Israel waren eine Erfahrung, von der ich mir nicht vorstellen kann, sie nicht gemacht zu haben. Die frischen Säfte vom Carmel-Markt, die brütende, schwüle Hitze des israelischen Julis, die Angst beim Raketenalarm, die Strandpromenadenläufe im Sonnenuntergang, die vielen Erinnerungen aus dem Uni-Unterricht: das alles kann mir keiner mehr nehmen!

Wenn ich hier jetzt anfangen sollte aufzulisten, bei wem ich mich alles für diese wunderbare Zeit bedanken möchte, hätte dieser Blogeintrag wohl kein Ende und dieses verrückte Internet würde explodieren. Daher beschränke ich mich auf meine Eltern, ohne deren immerwährende Unterstützung ich das alles nie erlebt hätte!

Ein Glück, dass der Start meines Rennens um 9 Uhr nur knapp 300 Meter entfernt lag. Andernfalls wäre mein Aufwachen fünfzehn Minuten vor dem Start etwas zu spät gewesen. Noch halb verschlafen lief ich dann meine 10 Kilometer und beendete das Rennen „Wir laufen zu den Wahlen“ als gar nicht mal so schlechter 46. von insgesamt 281 Läufern in einer Zeit von 46:26 Minuten. Wie man allerdings den Bildern entnehmen kann, war es ein Kampf:

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Während bei den niedersächsischen Landtagswahlen zwei Tage zuvor noch Schnee und Eis die Wahlbeteiligung beeinflussten, erwischte die gestrige Knesset-Wahl einen selbst für Israel mit 26 Grad angenehmen Sommertag. Schnell geduscht, ging es dann also mit meinem guten Freund Nadav in seinen Heimatort Shavei Zion, nicht einmal 15 Kilometer von der israelisch-libanesischen Grenze entfernt. Nadav konnte den Zug kostenlos benutzen, um in dem Ort, wo er registriert ist, wählen zu können.

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Shavei Zion (auf deutsch: Rückkehrer nach Zion) wurde 1938 von Juden aus dem schwäbischen Rexingen gegründet und zählt heute knapp 700 Einwohner, von denen allerdings die wenigsten heute noch irgendwie deutsch im kulturellen Sinne sind. Dennoch sind viele Schilder in Shavei Zion auf Deutsch:

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Unter anderem befindet sich dort auch ein von einer deutschen Familie geführtes Haus, wo Holocaust-Überlebende in Israel kostenlos Urlaub machen können. Ich hoffe allerdings die Deutschen haben sich dort nicht wegen den Überresten dieser byzantinischen Kirche angesiedelt:

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Danach ging es zur Wahl. Ich durfte mal in die Wahlkabine lugen, mich an den Wahlzetteln bedienen und auch sonst “frei bewegen” (sprich Fotos machen). Meine persönliche Präferenz habe ich ja schon mehrmals geäußert und bekräftige ich hiermit (obwohl sie später ja so lala abgeschnitten hat).

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Von symbolischer Bedeutung ist, dass die Wahl vor einem Boxring stattfand:

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Gestärkt mit Schnitzeln von Nadavs Mutter (es gibt nichts besseres als Futtern wie bei Muttern), fuhr ich dann nachmittags mit ihm nach Peki’in, einer höher gelegenen Ortschaft mit etwa 5.000 Einwohnern, deren Mehrheit drusisch ist. Über diese Gemeinschaft hatte ich ja schon mal geschrieben. Nicht muslimisch, nicht christlich, aber sehr gastfreundlich.

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Bei Sahlab kamen wir am zentralen Platz Peki’ins mit ihnen ins Gespräch (es bedurfte Erklärung, wo Deutschland liegt – kein Witz!) und betrieben noch etwas Werbung für Tzipi Livni (was erstaunlich einfach war), die als eine der wenigen jüdischen Politikerinnen auch Plakate auf Arabisch klebte.

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Auf dem Rückweg hielten wir noch in Nahariya, der letzten größeren Stadt (~50.000 Einwohner) vor der libanesischen Grenze. Auch diese Küstenstadt wurde in den 1930er Jahren von deutschen Juden gegründet. Vielleicht war es dieser Umstand (der Bach in der Mitte erinnerte mich an die Düsseldorfer Königsallee) oder aber die sehr touristische Atmosphäre, was dazu beitrug, dass mir Tempelhofs Partnerstadt (und von Bielefeld, Offenbach, Paderborn und Darmstadt…geht es noch langweiliger?) gefiel, jedenfalls fand ich Nahariya irgendwie sehr wohn- und lebbar – wenn der Libanon nicht zehn Kilometer nördlich immer wieder für Probleme sorgen würde.

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Abends ging es dann zurück nach Tel Aviv und wir schafften es pünktlich zur ersten Hochrechnung um 22 Uhr zurück zu sein. Über das Ergebnis dürfte ja alles gesagt sein. Links-Mitte und Araber stehen sich mit den Rechten und Orthodoxen mit 60 zu 60 Sitzen gegenüber, aber letzten Endes wird Netanyahu dank Lapid wieder Ministerpräsident, aber voraussichtlich wird die kommende Regierung etwas mittiger anzusiedeln sein. Wenn bloß nicht dieser Bennett mit seinen Annektierungsphantasien wäre.

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Jedenfalls war es sehr spannend, die Knesset-Wahlen mal von innen zu erleben, mal davon abgesehen, dass mir die israelische Parteienlandschaft nun bekannt ist wie vermutlich nicht mal die deutsche.

Nachdem ich fast den ganzen Tag auf Hebräisch unterwegs war, da ich bei Nadavs Familie als guter (deutscher) Gast gelten wollte und dann abends noch die ganzen Analysen und Reden auf Hebräisch waren, war ich nach diesem intensiven Tag schlichtweg erschöpft. Hoffentlich sind die nächsten Wahlen nicht innerhalb des nächsten Monats…

Israel gilt ja gemeinhin als recht spannendes Land. Und ich weiß wirklich nicht, was ich in den knapp vierzehn Monaten, die ich hier schon bin, nicht erlebt habe. Gilad Shalits Heimkehr, einen halbausgewachsenen Krieg mit Gaza, Busattentate, Überschwemmungen, alles schon gehabt. Da wirkt der ganze alltägliche Wahnsinn schon fast lustig gegen: Maschinengewehre gehören für mich hier mittlerweile schon so zum Straßenbild wie das Fahrrad nach Holland. Und dank verfahrener Budgetsverhandlungen habe ich nun auch noch das Glück, vorgezogene Parlamentswahlen in Israel zu erleben.

Das israelische Parlament, die Knesset

An diesem Dienstag sind 5.656.705 Israelis dazu aufgerufen, ihre 19. Knesset in 10.133 Wahllokalen zu wählen. Noch ein Fun Fact? Die Wahlen kosten 250 Millionen Shekel, 50 Millionen Euro. Und als Politik-Student sind die Unterschiede zu dem, was ich aus Deutschland kenne, durchaus spannend zu beobachten. Da ich mit einem guten Freund an diesem Dienstag in den Norden fahre, wo er wählen muss, bin ich sozusagen als inoffizieller OECD-Wahlbeobachter auf Mission.

Es fängt beim Wahlkampf an. Der läuft hier vielmehr über die Medien, das heißt, außer der Kiffer-Partei habe ich noch keine Partei auf der Straße werben sehen. Aber was vor allem ins Auge sticht: Der Wahlkampf ist hier noch ein wirklicher Kampf. Es geht viel giftiger zu und es gibt nicht dieses teilweise unausstehliche Harmoniebedürfnis wie bei in Deutschland. Von vielen Balkons hängen jetzt auch schon privat aufgehängte Banner, so als hätte hier noch nie jemand was von Wahlgeheimnis gehört.

Immer drauf auf den Gegner

Die Wahlwerbespots, die hier alle en bloc laufen, sind auf ihre Weise irgendwie erfrischender als die deutschen Spots mit grünen Wiesen und Solaranlagen (oha, der wollte wirklich Kanzler werden damit). Wenn man sich zum Beispiel den Spot meiner persönlichen Favoritin Tzipi Livni anschaut, dann hat vorallem die erste Minute eher was von einem Kinotrailer für den neuesten Mystery-Thriller von Shyamalan (die Spots sind auch ohne Sprachkenntnisse verständlich):

Netanyahus Likud hat noch vor seinem offiziellen und steinmeiersch sterbenslangweiligen Werbespot eine „Werbung“ geschaltet, wo einfach mal quer alle politischen Gegner ins Lächerliche gezogen werden, bis – war ja klar – der böse Ahmadinedschad sie alle wegbombt:

Wem es allerdings noch nicht hochgekommen ist, dem helfen Donald Trump und Chuck Norris, ja: Chuck Norris!, nach. Wer die Urban Heroes des Jahrhunderts auf seiner Seite hat, hat ja quasi schon gewonnen:

Ganz tief in die Scheiße gegriffen (eine andere Beschreibung fällt mir nicht ein) hat die ultrareligiöse und vorallem bei orientalischen Juden beliebte Shas. Selber einmal zum Schutz ihrer Minderheit gegründet, macht sie einfach mal Stimmung gegen konvertierte Russen oder russische Konvertiten:

Aber auch die ganz krassen Splitterparteien, über die ich morgen bei Zenith Online schreibe, lassen sich nicht lumpen. Calcala (Wirtschaft), die vermutlich skurrilste Partei, die zur Wahl steht (wie gesagt: mehr dazu morgen auf Zenith), setzt auf nackte Haut. Die internationalistisch anmutende Partei Da’am für arabische Arbeitnehmer vertraut auf Rebellion.

Wahltag ist Feiertag

Die Wahl an sich findet wie gesagt nicht an einem arbeitsfreien Tag statt, sondern wie in den Vereinigten Staaten an einem Dienstag und wird zu einem arbeits- und schulfreien Tag gemacht. Es gibt keine Briefwahl und man wählt, wo man gemeldet ist. Bedeutet dies eine Reise durchs Land zu seinem Heimatort, kriegt man ein kostenloses Zugticket. Außer den Diplomaten können auch sonst keine anderen Israelis im Ausland an der Botschaft wählen gehen.

Man setzt allerdings kein Kreuz, sondern reißt von einer Zettelwand mit den 34 Parteien seine Präferenz ab. Soll angeblich den Leseschwachen helfen, hat sich mir aber noch nicht ganz erschlossen. Die Parteien sind dabei mit einer Abkürzung versehen, um die es immer wieder Streit gibt (und welche auch überall in den Werbeanzeigen steht). Natürlich gibt es die ganzen Zettel auch noch auf Arabisch, ist ja schließlich zweite Amtssprache. Dann wird der Zettel in einen Umschlag eingetütet und ab dafür. Die Wahllokale sind länger als bei uns, nämlich von 7 bis 22 Uhr geöffnet.

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In die Knesset, die übrigens die einzige Kammer Israels ist (es gibt also nichts zum Bundesrat Vergleichbares), kommt, wer zwei Prozent der gültigen Stimmen erhält. Das werden voraussichtlich elf bis zwölf Parteien sein. Der Präsident Shimon Peres beauftragt dann den Führer der stärksten Partei, also mit 99%-er Wahrscheinlichkeit…ich muss es sagen…Netanyahu, eine Koalition zu formen. Der rechts-konservativ-religiöse Block kommt Umfragen zufolge auf 65-75 der 120 Knesset-Sitze. Laut einer Umfrage von heute Abend (17.01.2013) steht es aber nur noch 63 (rechts-religiös) zu 57 (mitte-links). Grandios anders als in Deutschland ist, dass hier schon vor den Wahlen jeder die Bedingungen nennt, unter denen man doch mit dem Todfeind ins Bett…eh…auf die Regierunsbank, steigen würde. Nicht das uns bekannte: „Nichts ist entschieden, erstmal abwarten, den Wähler entscheiden lassen!“ sondern „Das Ministerium bekomme ich, dann kommen wir ins Geschäft, aber bis dahin hasse ich Dich in meinen Werbespots!“ Wenn ich es mir nochmal überlege: Doch nicht so viel anders als in Deutschland. Obwohl die neugewählte Knesset schon am 5. Februar das erste Mal zusammentritt, muss die neue Regierung allerspätestens am 20. März stehen.

Eins will ich aber noch loswerden: Bei dieser und den vorangegangenen Wahlen in Israel geht es halt immer noch irgendwie ums große Ganze und nicht um eine 6km-Autobahnverlängerung oder welcher Bach wie mit Rücksicht auf die Kröten vertieft werden soll. Das sind sicherlich auch Probleme, aber nicht welche, mit denen man den Wähler hinterm Ofen hervorlockt. Hier steht halt noch Frieden gegen Sicherheit. Nicht, dass dieses Dilemma für Deutschland ein wünschenswerter Zustand wäre, um Gottes Willen, was ich damit sagen will, ist, dass Wahlkampf und Politik auch noch spannend sein können, wenn es die Probleme auch sind. Was für ein Schlusssatz!

Wieder einmal ist viel Zeit ins Land gegangen seit meinem letzten Post, der seit heute Mittag auch bei The Times of Israel online ist. Sowieso konnte man mich zuletzt mehr bei TOI, Zenith und anderswo lesen als auf meinem eigenen Blog. Also auf diesem Wege noch mal frohe Weihnachten, einen guten Rutsch, ein frohes neues Jahr und danke für die Geburtstagsglückwünsche.

Weihnachten musste ich mir quasi vorstellen, weil es bei nur einem Prozent christlicher Bevölkerung und Temperaturen von 15 bis 20 Grad ist hier nichts mit Glühwein, Lichterketten und Gewürzspekulatius. Dank eines großen CARE-Pakets aus der Heimat und einem Besuch im doch recht festlichen Betlehem und Jerusalem vor den Feiertagen, war dann doch noch für mich persönlich für etwas Stimmung gesorgt. Aber auch Heiligabend selbst habe ich dann im großen Kreis als einziger Christ schön verbracht – mit Weihnachtsgulasch, Duftkerzen und Mitternachtsmesse.

Eine Woche später dann war dann 2012 vorbei und es galt, ein neues Jahr einzuläuten. Aber auch das ist eher ein Fest, das ich nicht unbedingt wieder in Israel feiern würde, weil es so gut wie garnicht gefeiert wird. Obwohl es zwar nur die orthodoxen Juden sind, die nach ihrem eigenen Kalender rechnen laut welchem wir nun schon seit September das Jahr 5773 haben, sind Silvester und Neujahr hier keine Feiertage. Es gibt zwar einige Parties, aber alles nur so halb ausgegoren und von Feuerwerk brauchen wir garnicht reden. Die Raketen waren dieses Jahr ja eh auf den November vorgezogen worden. Ironischerweise entstammt ja „der gute Rutsch“ vermutlich aus dem Jiddischen, wo das Neujahr (wörtlich: der Kopf des Jahres) „rosch ha-schana“ heißt. Rutsch, rosch, das lässt sich doch nicht von der Hand weisen. Lustigerweise ist der Ausdruck „Rosch Ha-Schana“ für das jüdische Neujahr „reserviert“, daher wird Silvester hier auch nach dem Heiligen Silvester genannt. Und der wiederum war ein bekannter Antisemiten der frühen Kirchengeschichte. Welch Ironie…

Und wie schon in den 23 Jahren davor, folgt zwei Wochen nach Heiligabend und eine Woche nach Silvester mein Geburtstag, den ich nun schon das zweite Mal in Israel gefeiert habe. Die gute Stimmung ist allerdings im wahrsten Sinne des Wortes schnell verflogen, da Israel vom schwersten Sturm seit zwanzig Jahren heimgesucht wurde. Knapp sechs Tage lang hat es durchgestürmt und -geregnet. Für einige Teile des Landes wurden die saisonalen Durchschnittsniederschlagmengen schon weit übertroffen, der See Genezareth ist so voll wie seit 1994 nicht mehr und der Hermon-Berg trägt eine dicke Schneedecke. Selbst in Jerusalem hat es geschneit und kaum eine öffentliche Person hat die Chance ungenutzt gelassen, ein Foto von sich im Schnee bei Facebook zu posten: sei es Shimon Peres beim Schneemannbauen, Netanyahu bei einer Familien-Schneeballschlacht oder die Hamas beim Schneeraketenbauen…image

Doch jetzt ist das Wetter wieder grandios und kratzt auch wieder an den 20 Grad und man hat das Gefühl, der Winter ist schon vorbei und der kurze Frühling, der schnell zum Sommer wird, steht in den Startlöchern. Daher war ich am vergangenen Wochenende auch wieder einmal in der Negev-Wüste und habe eine herrliche Wanderung gemacht.

Meine Zeit in Israel neigt sich allem Anschein nach dem Ende entgegen. Obwohl noch kein Flug gebucht ist, rechne ich mit dem Abflug zwischen 15. und 25. Februar. Und am 4. März beginne ich dann schon in Berlin mit meinem Praktikum. Bis dahin werde ich noch jede Minute in Israel genießen und versuchen (neben meiner Master-Arbeit, aber das läuft) alles nachzuholen, was ich noch nicht gemacht habe: Shooting Range, Eilat, Knesset-Wahlen beobachten usw.

I admit that we Germans are often very fussy. Sometimes it is funny, for example when the German Civil Code regulates the ownership of bees with ridiculously sounding articles like: “Where a swarm of bees takes flight, it becomes ownerless if the owner fails to pursue it without undue delay or if he gives up the pursuit.” And sometimes this fussiness is embarrassing or annoying, especially when Germans travel abroad and complain that the pavement is not even and the ordered half liter glass of beer is not really filled to the last drop slopping over the edge. And with this God-given (some would say: cursed) mindset, I came to Israel. Just to make it clear from the beginning: I love Israel! Since I can’t really make aliyah, I am on the desperate search for job and/or marriage openings to stay here. But please allow me for the following few paragraphs to be the complaining German who seems to know it all, and let me address the most annoying things about Israelis!

Israelis, have you ever thought about those crazy straight lines painted on the concrete in front of traffic lights? They indicate where you are actually supposed to stop your car so that pedestrians can cross the street. I love sports, but I do not need a showjumping course at every crossing. And imagine, dear Egged bus driver, that if you do not stop at the line, I can’t even see when my light turns green in order for me to cross safely. Really nice game, this Israeli Roulette!

Talking about the division of spaces, I always thought that a bike painted on a bike lane indicates where bikes are allowed and pedestrians are kindly asked to use their usually even wider walkway. Well, I was proven wrong when I came to Israel and noticed that apparently bike paths are a communal good. And as my bell is a request to blaze the way, the same is true for my sirupy “slicha” that I utter when I want to pass by you in the narrow alleyways of my local “Super-Baba”. But instead, I am either ignored or the passage is made even a bit more complicated. I really like to get in touch with Israelis, but not in the literal sense when I just want to get to my daily kilo bucket of humus.

I always wanted to be taken on a ride in a formula one car by my racing national hero Michael Schumacher. But a monthly bus ride of half an hour through Tel Aviv is actually an equal and even cheaper substitute. I also really appreciate that the cab drivers in Israel all seem to have studied political science, but coming from a club in the middle of the night I honestly prefer listening to your weird mixture of Celine Dion and Shlomi Shabat tapes than to your lecture why you think the Golan Heights belong to Syria.

If I start to talk now also about customer service, this article will not have an end. So, let me just tell the cashiers, that throwing and crushing my “Bisli” snack on the check-out counter doesn’t really win me over to take your mumbled offer of five chewing gum packages for only twenty instead of twenty-two shekels. But the customers are not the innocent angels in this story. Just because you need to mail only one letter in the post office doesn’t entitle you to bypass the line which has been sorted orderly, German-style, with drawn numbers.

But just one last thing. It is more of a plea than a complaint. When I tell you Israelis that I came here for my studies and I am not Jewish, take out your reproachful and slightly self-hating tone in your voice, asking me “why Israel? Are you crazy?” People like me envy you for living here, so don’t be so turned off by your own country. When I can love it, you should be able so much the more.

Die Operation “Säule der Verteidigung” ist offiziell vorbei. Egal, was jetzt noch kommt, die nächste Operation wird schon einen anderen Namen tragen. Nach acht Tagen des Kampfes zwischen den israelischen Streitkräften und den Gaza-Terroristen von Hamas und Islamischer Jihad wurde am Mittwochabend eine Waffenruhe vereinbart. Dass es dazu gekommen ist, grenzt an ein Wunder, waren sich doch alle einig, dass eine Bodenoffensive beschlossene Sache gewesen wäre, nachdem noch am Morgen ein Bus im Herzen Tel Avivs in die Luft gesprengt wurde.

Die Normalität kehrt zurück nach Israel

Tel Aviv hat sich in den Stunden und Tagen danach sehr verändert. Die Straßen waren wie leergefegt, die Busse noch viel leerer. Es war mitten in der Woche ruhig wie an einem Shabat. Oft wurde den Tel Avivim in den letzten Jahren nach der Zweiten Intifada nachgesagt, sie würden in einer Blase leben, zu welcher die wirklichen Sicherheitsprobleme Israels nie durchdringen würden. Mit dem Bus ist auch diese Blase geplatzt. Plötzlich beäugt man jeden Passanten, führt unterbewusst racial profiling durch, und wird selber mit Trainingsanzug, Rucksack und Dreitagebart argwöhnisch betrachtet, wenn man den Markt betritt. Doch spätestens seitdem der Attentäter (es war nämlich kein Selbstmordanschlag) gefasst ist, kehrt die Normalität nach Tel Aviv zurück. Die Leute gehen wieder aus und wäre es abends nicht so frisch, wären die Cafés und Bars wieder voll.

Und dann kam die Waffenruhe, nachdem auch noch Hillary Clinton in die Region gereist ist. Im Grunde ist auch nicht auszuschließen, dass man schon einen Tag früher eine Waffenruhe vereinbaren konnte, nachdem Guido Westerwelle sich wirklich außerordentlich einsetzte und schon alle Nachrichtenagenturen eine Waffenruhe am Dienstagabend vorhersagten. Möglich also, dass Onkel Barack im Gegenzug für zukünftige Leistungen (Stichwort Iran) diesen diplomatischen Erfolg seinem Land zuschreiben wollte. Einig waren sich aber alle in der Lobhudelei über den ägyptischen Präsidenten Mohammad Morsi. Er war die Bande, über die Israel und Hamas indirekt verhandelt haben. Zudem ist er nun quasi persönlicher Gewährsmann für beide Seiten und muss damit ziemlich unabhängig bleiben.

Ägypten schwankt - und damit auch die Waffenruhe

Rechte: Ahmad Hammoud / Flickr.comDie Waffenruhe ist seit ihrem Inkrafttreten immer wieder brüchig und es kommt zu Zusammenstößen an der Grenze. 300 Palästinenser versuchten sie zu stürmen, ein Palästinenser wurde erschossen. Was allerdings noch schlimmer wiegen dürfte, ist dass Morsi innerhalb weniger Tage wieder die gesamte internationale Anerkennung verspielt. Seine diktatorisch anmutenden Dekrete und die darauf abermals ausgebrochenen Proteste sollten den Zweifel in Israels Regierung nähren, wie nachhaltig die Garantie Ägyptens für die Waffenruhe wirklich sein kann. Vom vermeintlichen Arabischen Frühling hielt man in Jerusalem noch nie viel. Aus israelischer Sicht vollzieht sich in der Region eher ein Arabischer Herbst, in welchem reihenweise islamistische Gottesstaaten entstehen werden.

Und nur drei Tage nachdem Hillary Clinton durch die Verkündung der Waffenruhe in Kairo Ägyptens Regierung und Macht aufgewertet hatte, kritisieren die USA nun schon wieder die ägyptische Führung. Mal davon abgesehen, dass die Kritik berechtigt ist: Eine erfolgreiche und vorausschauende Außen- und Nahostpolitik der Vereinigten Staaten sieht auch anders aus.

Mit solch einem schwankenden Bürgen dürften Hamas und Israel die Waffenruhe auch bald wieder für null und nichtig erklären und die nächste Runde der Gewalt einläuten. Bis dahin werden die Terroristen ihre Arsenale etwas auffüllen und Netanyahu am 22. Januar die Wahl gewinnen. Über einen passenden (wieder biblischen?) Operationsnamen dürfte man schon überlegen.

Gerade wieder Tzeva Adom, Color Red, in Tel Aviv. Der fünfte in vier Tagen, der zweite an einem Tag.

Dieses Foto ist dabei entstanden. Ich kauere mich mit mir fremden Menschen (aus Finnland wie sich herausstellte) wie bei einem Banküberfall hinter die Kasse eines Foto-Fachgeschäfts. Wir gucken zwar alle nicht sehr erschrocken, aber irgendwie trotzdem ein grandioses Foto, das den Moment festhält. Danke an Po-Ze-Tiv Photography für die Zusendung des Fotos.

Was ich dort gemacht habe? Ich brauchte dringend Fotos in Passgröße. Die ersten beiden Fotos waren so so. Die alte Familienkrankheit einen Buckel zu machen, kam zum Vorschein und die Fotografin gab für das dritte Foto also noch den Hinweis: “Sit like a soldier!” Und plötzlich heult sie wieder, die Sirene. Die Fotografin hat sich nichts anmerken lassen, da konnte ich ja dann auch schwer aufspringen. Und hat nach etwa fünf Sekunden abgedrückt. Dabei ist das eigentliche Foto entstanden. Gar nicht so schlecht, wenn man bedenkt, dass ich da schon seit Sekunden die Sirenen im Ohr habe…

Was ist los?

Dürfte ja in den Nachrichten schon breitgetreten worden sein. Vor drei Tagen hat Israel mit der gezielten Tötung des militärischen Chefs der Hamas die Operation „Säule der Verteidigung“ (manchmal auch „Wolkensäule“ genannt) begonnen und damit auf den langanhaltenden Raketenbeschuss der letzten Wochen reagiert. Die Operation besteht momentan aus gezielten Luftangriffen auf militärische Ziele im Gaza-Streifen. Nach dem Beginn der Operation sind 520 Raketen auf den Süden Israels niedergeprasselt, alleine Freitag 190 (Stand: 20.20 Uhr). Auch in Tel Aviv gab es gestern und heute zwei Mal „Tzeva Adom“ - das erste Mal seit dem Golfkrieg 1991, als Saddam Hussein Scud-Raketen auf die Mittelmeermetropole abfeuerte.

Was ist Tzeva Adom?

Tzeva Adom ist hebräisch und bedeutet Farbe Rot oder wie ich es auf Facebook schreibe: Color Red. Das heißt dann, dass die Luftschutzsirenen heulen und man schnellstmöglich einen Schutzraum aufsuchen soll. In Tel Aviv hat man dafür etwa 60 bis 90 Sekunden Zeit. So sieht das dann aus. Viele Wohnungen (vor allem die neueren oder die in den Hochhäusern) haben eigene verstärkte Schutzräume, ältere Gebäude wie meins haben einen gemeinsamen Schutzraum/Bunker, der oft im Erdgeschoss liegt. Zudem hat die Stadt viele öffentliche Bunker, die alle spätestens heute Mittag geöffnet worden sind und nun jederzeit zugänglich sind. Willkommen aber in meinem bescheidenen Reich:

Wie habe ich die beiden Male erlebt?

Das erste Mal war gestern, Donnerstag, gegen 18.45 Uhr Ortszeit Raketenalarm in Tel Aviv. Ich war gerade auf dem Weg von der Uni-Bibliothek zu einer Freundin. Die ersten drei Sekunden war ich gelähmt und konnte es nicht glauben, dass es wirklich passiert. Mein Fahrrad an die Seite geworfen, lief ich schnell ins erstbeste Haus (unterbewusst habe ich mir gemerkt, dass es Ibn Gvirol 77 war), wo wir im Treppenhaus zu etwa zehnt standen. Den Leuten stand die Angst ins Gesicht geschrieben, Leute haben geweint (ok, es waren nur Frauen), ich habe gezittert. Etwa nach einer halben Minute war der Alarm vorbei und zehn Sekunden später hörten wir eine leise, dumpfe Explosion, die mit einem gemeinschaftlichen „Uff!“ zur Kenntnis genommen wurde. Etwa zwei Minuten später verließen wir wild zusammengewürfelte Schicksalsgemeinschaft wieder das Haus und jeder griff zum Handy während alle im nebenan gelegenen Kiosk gebannt auf den Fernseher schaute. Das Handy-Netz war hoffnungslos überlastet. Ich stieg daher ins erste offene WLAN-Netzwerk und habe meinen Bruder kontaktiert, der bezeugen kann, dass Grammatik als auch Rechtschreibung meiner Nachrichten Rückschlüsse auf meine Schockiertheit zugelassen haben :-) Jeder hat versucht jeden zu erreichen, eine Freundin hat geschlagene zehnmal erfolglos versucht mich zu erreichen. Danach bin ich zum eigentlichen Ziel, besagter Freundin, gefahren, wo ich über ihr Internet versucht habe, alle wichtigen Personen in Israel als auch in Deutschland zu erreichen.

Entgegen aller Erwartungen war die Nacht ruhig und ich konnte durchschlafen. Danke, Hamas!

Just als ich heute Mittag um kurz nach ein Uhr in meiner Wohnung meine Wäsche gefaltet habe, ertönte wieder diese schreckliche Sirene. Ich bin direkt mit meiner Mitbewohnerin runter in unseren Luftschutzraum, wo wir nach einer Minute wieder eine entfernte, aber doch hörbare Explosion wahrnahmen. Dieses Mal hielt sich meine Aufregung etwas in Grenzen, weil ich direkt wusste wohin und ich mich im Luftschutzraum sicherer fühlte als in diesem willkürlichen Treppenhaus. Zudem hat eine Nachbarin ihren Labrador mit runtergebracht, der mich wie bei einer guten Delfin-Therapie irgendwie beruhigt hat.

Seitdem war Ruhe, aber es kann sich jede Sekunde ändern, genau wenn ich dieses nächste Wort tippe.

Hat sich mein Alltag irgendwie geändert?

Jein. Ja, weil ich gewisse Maßnahmen getroffen habe, um schnell aktiv zu werden im Fall der Fälle. Das heißt, dass ich jetzt nachts mein Fenster geöffnet habe, um die Sirenen besser zu hören, und außerdem mein dauergeladenes Handy griffbereit neben dem Wohnungsschlüssel liegen habe. Bevor ich duschen gehe, sage ich jetzt meiner Mitbewohnerin Bescheid, damit sie bei erneutem Alarm Bescheid gibt. Außerdem hat sich draußen mein Blick nach Schutzmöglichkeiten geschärft. Nennt es paranoid, aber es ist wichtig.

Nein, weil ich mich gestern Abend trotzdem mit einem Freund auf seinem Balkon zu Bier und Wasserpfeife getroffen habe. Ich wollte mich daheim nicht verrückt machen. Heute war ich mit einer Freundin ganz normal an der Promenade joggen. Sonntag steht wieder die Bibliothek auf dem Programm. Das Leben geht halt weiter. Bisher hat sich die Hamas halt bei mir noch nicht gemeldet mit dem Angebot, meine Master-Arbeit für mich zu schreiben.

Wie ist die Stimmung in Tel Aviv?

Hmh, genauso schwer zu beantworten. Bemerkenswert halt, wie eine Minute nach dem Alarm die Busse, Taxis usw. wieder ganz normal laufen. Als wäre nichts gewesen. Abends sitzen die Leute genauso in den Cafés und Bars wie sonst auch. Jogger sind auch genauso unterwegs – aber ich würde sagen, merklich dezimiert, was damit zusammenhängen kann, dass Israel 70.000 Reservisten einberufen hat. Und das sind nun mal die Sportlicheren.

Andererseits stand den Leuten gestern die Angst ins Gesicht geschrieben. Leute sind von Bus auf Taxi umgestiegen um schnellstmöglich zuhause zu sein. Jeder mit dem ich spreche sagt auch, dass er oft das Gefühl hat, die beginnende Sirene wieder zu hören, was sich aber dann als anfahrender Bus, knarzende Tür oder sonst was herausstellt. Aber alle sind sie jetzt hellhörig. Nennt es wieder paranoid, aber bisschen angespannt ist momentan doch irgendwie jeder. Achja, und Fernsehen auf meiner Jogging-Strecke:

Was tut die Deutsche Botschaft und Uni für mich?

Die Uni hat gestern Vormittag eine E-Mail mit recht nutzlosen Aussagen, aber nützlicheren Telefonnummern geschickt: Für Tel Aviv gebe es keine Warnungen. Die Aussage haben sie dann spätabends kassiert und doch sehr genaue Anweisungen gegeben, was wo in welchem Fall zu tun ist. Dazu gab es noch diese ganz nützliche Broschüre.

Die Deutsche Botschaft hingegen hat zwei E-Mails rausgeschickt mit dem Hinweis, dass die Reisehinweise aktualisiert wurden und man ja bei Interesse auf die Seiten des Auswärtigen Amts gehen könnte. Einen Kommentar erspare ich mir im Hinblick auf meine berufliche Zukunft. Falls es doch jemand liest, sei nur soviel gesagt: Ein aufmunterndes und persönliches „Bleiben Sie munter und sicher, die Silke vom Empfang“ statt „Mit freundlichen Grüßen, Deutsche Botschaft Tel Aviv“ dürfte wohl keiner negativ auslegen, oder? ;-)

Wann komme ich nach Deutschland?

Als ich das vor zwei Tagen das erste Mal gefragt wurde, habe ich noch geantwortet: „Frag’ mich wieder, wenn das erste Mal die Sirenen in Tel Aviv heulen.“ Jetzt war es soweit und ich weiß immer noch keine Antwort. So schnell lasse ich mich nicht unterkriegen und würde jetzt vielleicht sagen: Frag’ mich wieder, wenn das erste Mal Menschen in Tel Aviv zu schaden kommen. Oder wenn ich mehrere Nächte hintereinander nicht durchschlafen kann und in den Luftschutzraum rennen muss. Es klingt zynisch, aber es ist halt auch eine Erfahrung, die ich gerade mache, wenn auch eine sehr krasse. Momentan aber sage ich: Macht euch keine Hoffnungen auf ein schnelles Wiedersehen! :-)

Was kann jetzt noch passieren?

Wer stellt hier eigentlich diese guten Fragen? Gestern sagten alle, die Nacht würde unruhig werden – wurde sie nicht. Dann sagten alle: Naja, dann kommt jetzt auch nichts mehr – und es kam doch. Die Hamas hat heute Nachmittag selbst Jerusalem ins Visier genommen und damit quasi zwei rote Linien in zwei Tagen überschritten. Israel bereitet sich minütlich auf einen Einmarsch in Gaza vor – mit ungeahnten Folgen. Das Gelände könnte vermint sein, Scharfschützen auf Israelis Jagd machen. Die Hamas hat schon gesagt, dass sie bei einem Einmarsch auch noch die Ziele nördlich von Tel Aviv ins Visier nehmen will. Israel sagt, es hätte einen Großteil der Fajr-5-Arsenale (die mit der langen Reichweite) vernichtet. Aber augenscheinlich eben nicht alle.

Nachdem heute auch noch der ägyptische Ministerpräsident auf Stippvisite im Gaza-Streifen war und abends Raketen aus der Sinai-Halbinsel im Süden Israels einschlugen, ist die Angst groß, dass Ägypten trotz Friedensvertrag mit einsteigt oder wenigstens die Hamas irgendwie unterstützt. Zudem war die Grenze zu Syrien in den letzten Wochen auch nicht gerade ruhig. Und dann sitzt noch die Hisbollah im Libanon. Die könnten vielleicht die Gunst der Stunde auch noch nutzen, wenn es hart auf hart kommt. Außer von Jordanien wäre Israel dann von allen Nachbarstaaten angegriffen.

Das wird Israel zu vermeiden wissen und daher die Gaza-Operation versuchen, schnellstmöglich auf die eine oder andere Weise zu Ende zu bringen – mit Einmarsch oder ohne.

Noch etwas?

Ja, DANKE an alle, die an mich denken und mir per E-Mail, SMS oder Facebook schreiben. Vermutlich wurde ich noch nie in so viele Gebete eingeschlossen (die Amis…). Es ist in gewisser Weise rührend zu wissen, dass Leute an einen denken während in der Welt über den Ticker läuft, dass Tel Aviv angegriffen wird. Selbst Leute, mit denen man schon lange keinen Kontakt mehr hatte. Danke also für die vielen sorgevollen Mails mit den aufmunternden Worte. Und an meine Eltern, dass ich jederzeit im nächsten Flieger sitzen kann – wenn ich nur wollen würde. ;-)

Die Lage rund um den Gaza-Streifen ist wieder mal angespannt, diesmal ist sie besonders angespannt und kurz davor zu eskalieren. Gefundenes Fressen für Spiegel Online und vor allem für Ulrike Putz, die allem Anschein nach im Nebenjob noch Hofberichterstatterin bei Hamas ist. Sie berichtet aus dem libanesischen Beirut darüber, was zwischen Israel und dem Gaza-Streifen passiert. Warum nicht aus Tel Aviv? Vermutlich ist es in Beirut sicherer.

Sie hat heute Abend einen Aufmacher für SPON geschrieben, der nur so vor Einseitigkeit strotzt. Was ist bloß in Deutschland los? Die SPD geht mit Fatah, SPON geht mit Hamas. Wenn man im Gaza-Streifen SPON lesen kann, dann bleibt den Terroristen doch vor lauter Lachen die Qassam-Rakete im Abschussgerät stecken.

„Palästinenser fürchten neuen Krieg“, schreibt Putz. Davon bin ich überzeugt, Israelis fürchten diesen Krieg aber genauso. Und gleichzeitig ist ihre Aussage auch interessant, weil ich mir überlege: Als in den letzten zwei Tagen mehr als 120 Raketen aus dem Gaza-Streifen auf den Süden Israels abgefeuert wurden, schien die Furcht wohl noch nicht so groß zu sein. Dass Israel sich irgendwann vielleicht verteidigen würde, kann man doch nicht erwarten. Die lassen’s doch mit sich machen!

Das begleitende Foto ist auch geschickt gewählt. Bekopftuchte Damen stehen vor Trümmern, am linken Bildrand brennt es noch als würden sie in die Hölle runterschauen. Genau das gleiche Bild hätte man auch seit Wochen in Israel machen können. Eine Million Israelis im Süden haben die letzten Tage und Nächte im Bunker verbracht. Ich habe mich früher in der Schule ungefähr zwei Mal im Jahr über ‘hitzefrei’ gefreut, hier gibt es ‘raketenfrei’. Hurra!

Nach der Tötung von Hamas-Kommandeur Dschabari eskaliert die Lage im Gaza-Streifen […]“

Die Lage ist schon vor Tagen eskaliert. Welches andere Land würde mehr als 120 Raketen in zwei Tagen auf sich regnen lassen, bevor es reagieren würde. In den letzten zwölf Jahren waren es 12.000 Raketen. Klar, dazwischen gab es 2008/2009 einen Krieg mit Gaza. Dennoch, seitdem dieser vorbei ist, sind immer noch 2500 Raketen niedergeprasselt. Drei Jahre hat Israel es über sich ergehen lassen, zwischendurch immer wieder mal zurückgeschlagen, aber im Allgemeinen sich so weit es geht zurückgehalten. Heute also wurde dann einer der wichtigen Drahtzieher gezielt umgebracht – und Spiegel Online aufgewacht.

Dass der jahrelange Beschuss der heutigen Operation „Säule der Verteidigung“ vorangegangen ist? Naja, kann in irgendeinem Unterabsatz versteckt werden und als „Geschosse“ deklariert werden. Das klingt halt weniger nach Rakete, sondern eher nach Schießstand und 9mm.

Israel ist in Sorge, dass die Hamas in den vergangenen Monaten in den Besitz von Langstreckenraketen gekommen ist, mit denen sie auch das Zentrum des Landes und Tel Aviv treffen könnte.“

In Sorge, das klingt doch auch noch nett. Meine Mutter ist vielleicht in Sorge, wenn die Skype-Verbindung mal zusammenbricht. Aber meine Güte, Israel ist nicht in Sorge, es hat die Hosen voll. Und heute aufgenommene Bilder zeigen ganze Arsenale von sogenannten Fajr-5, die mit einer Reichweite von 70 Kilometern in der Tat Tel Aviv erreichen könnten. Und so war eben ein Vertreter des Heimatschutzkommandos im Fernsehen zu sehen, der erzählte, wie lang die Raketen z.B. nach Rischon LeZion oder eben Tel Aviv bräuchten. Es sind übrigens ungefähr anderthalb bis zwei Minuten.

Dann plätschert der Artikel vor sich hin und analysiert, warum niemand wirklich Interesse an einem ausgewachsenen Krieg hat. Israel, weil bald Neuwahlen sind. Hamas, weil es nicht gewinnen kann. Wie unfair. Hätten sie wenigstens eine Chance, dann würde SPON vielleicht noch seinen Segen geben.

Zum Schluss wird es allerdings wieder interessant. „Die Hamas feuerte daraufhin [nach israelischen Angriffen, die wiederum die Reaktion auf Angriffe aus Gaza waren] Raketen und versetzte Israelis im Süden in Angst und Schrecken. Im Gaza-Streifen selbst herrschte am Abend Panik.“

Auf den ersten Blick kein großer Unterschied. Aber Moment: Angst und Schrecken haben wir alle mal, aber Panik? Das muss ja echt heftig sein.

Gaza-Stadt werde von Luftangriffen erschüttert, die Krankenhäuser versorgten Dutzende Verwundete. Die Führung und der Mittelbau der Hamas habe sich angesichts der anhaltenden Angriffe in ihre Bunker zurückgezogen – die Zivilbevölkerung sei den Angriffen Israels derweil schutzlos ausgeliefert.“

Stelle ich alles nicht in Frage. Aber was ist mit den Israelis? Channel 2 zeigt quasi im Minutentakt Live-Bilder aus Ashdod, wie die Luftschutzsirenen heulen und die Raketen aus Gaza als helle Punkte am Nachthimmel anzeigen, dass heute sicher keine ruhige Nacht wird, wenn man nicht gerade in Beirut sitzt.

Und, Ulrike Putz: Mittelbau? Ich habe den Begriff zuletzt an meiner Uni gehört. Das waren zumeist die unterbezahlten, aber allzeit motivierten Knechte der Profs. Macht bei genauerem Hinsehen also doch wieder etwas Sinn, dass die allzeit motivierten Raketenzünder von Khaled Maschaal Mittelbau genannt werden.

Und was ist nun mit der Zivilbevölkerung? Sie könnten sich Luftschutzbunker ans Haus bauen. Ich klinge zynisch? Warum? In Israel ist das schon seit Jahren Realität und jedes neue Wohnhaus muss über eine Schutzraum verfügen. Im Süden haben auch alle älteren Häuser schon längst nachgerüstet. Ein Anfang wäre doch aber wenigstens, wenn sie die Hamas bitten würde ihre Raketen nicht unbedingt aus dicht besiedelten Gebieten abzuschießen.

Seit gestern habe ich nun also auch einen Plan von der israelischen TV-Medienlandschaft. Obwohl ich ja nur noch ein halber Student bin, kann ich dankenswerterweise an den Exkursionen meines und eines Parallelprogramms teilnehmen. Statt also zum zweiten Mal an die libanesische Grenze zu fahren, bin ich gestern mit dem MA in Political Leadership, Elections, and Communication aus Tel Aviv rausgefahren um eben einen Einblick in die Medien Israels zu erhalten.

Begonnen haben wir unsere Tour im Herzen Jerusalems im Büro der weltgrößten Presseagentur, AP. Dort erfuhren wir, wie AP Informationen aus Gaza erhält, von den Qualitätsstandards der Agentur, dem Konkurrenzkampf mit Reuters und mit welchen Tricks gearbeitet wird um den israelischen Militärzensor zu umgehen, der Nachrichten von enormer Sicherheitsrelevanz für Israel filtert. Aber auch die Hamas versucht immer wieder Druck auf die Agenturen auszuüben, teilweise mit harschen Drohungen an die körperliche Unversehrtheit.

Weiter ging es dann wenige hundert Meter zur Israeli Broadcasting Authority, der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalt, die Teil der Eurovision-Gemeinschaft ist. Quasi das Pendant zur deutschen ARD, denn auch IBA rühmt sich mit „dem Ersten“ im israelischen Fernsehen. Nicht nur dass das Gebäude von außen aussieht wie Bukarest in den 1960ern, drinnen wird es nicht viel besser. Das Newsdesk, wo an den Hauptnachrichten für 20 Uhr gearbeitet wird, ist ein einziges enges und überhitztes Chaos in katastrophal ausgestatteten Büros. Ähnlich wie in Deutschland darbt IBA an chronischer Unterfinanzierung. Wenn man bedenkt, dass die sieben Millionen Israelis (und davon ist vielleicht die Hälfte zahlungspflichtig) etwa zehn Dollar monatlich zahlen, kann man sich vorstellen wie knapp das Budget ist.

Die Tour, die David Witzthum, ein bekannter israelischer Moderator, der in den 80er Jahren drei Korrespondent in Bonn war und daher auch akzentfrei deutsch spricht, gegeben hat, endete mit einem Besuch im Nachrichtenstudio. So bizarr und schäbig der Zugang zum Studio durch irgendwelche Werkstattinnenhöfe war, so überrascht war ich dann doch vom halbwegs modernen Studio VOR der Kamera. HINTER der Kamera sah es allerdings wieder aus wie ein Stadtteiltheater in Bochum.

Bis ins Jahr 1993 war nur eine Rundfunkanstalt zugelassen, sodass es nur einen wirklichen TV-Sender gab. Erst im November jenen Jahres gab die drei Jahre zuvor gegründete Second Authority for Television and Radio eine Zulassung für den ersten Privatsender Israels. Channel 2 ist heute bei weitem der beliebteste Sender im Lande. Deren Studio außerhalb Jerusalems in Neve Ilan wirkten im Vergleich wie ein Palast. Alles schien sehr viel professioneller, geordneter und vor allen Dingen moderner. Einmal vom Teleprompter hebräisch zu lesen hatte auch was für sích. Nicht, dass ich nicht gewusst hätte, wie ein Teleprompter funktioniert, aber es ist schon faszinierend, weil man mitten in die Linse glotzt ohne es zu merken. Interessant zu sehen jedenfalls, wo meine Acht-Uhr-Nachrichten entstehen und wo überall getrickst wird: wenn zum Beispiel im Fernsehen zu sehen ist, dass zwei Interviewpartner in unterschiedlichen Studios sitzen, kann das bloße Täuschung sein, denn in Wahrheit sind sie vielleicht drei Meter voneinander entfernt, aber eben mit eigener Kamera und leicht verändertem Hintergrund.

Vor Augen geführt wurde uns eben auch, dass der Nachteil privater Sender deren mögliche Abhängigkeit ist. Ob öffentlich-rechtliche Sender so ganz frei von Einfluss sind, kann man auch nicht gerade sagen, beschließt doch das Parlament die Budgetierung und das führende Personal. Interessant war es allemal und auch hier bekam ich ein bisschen Lust (wie damals auf dem Luftwaffenstützpunkt), mal in dieser Branche zu arbeiten.