An Pessach feiern Juden den Auszug aus dem ägyptischen Exil. Wie fühlt man sich als Außenstehender an so einem hohen Feiertag? Eben genau so: Als außenstehender Fremdling. Aber der Reihe nach.
Die Vorbereitungen für dieses eine Woche dauernde Fest begannen schon etwa ein bis zwei Wochen vor dem eigentlichen Fest, was in Anbetracht von österlicher und weihnachtlicher Kommerzmaschinerie in Deutschland fast schon wieder wohltuend kurz ist. Das klingt zwar als wäre ich hier zum linken Antikapitalisten geworden, aber ich kann Entwarnung geben: Im Großen und Ganzen bin ich noch korrekt gepolt.
Nicht nur, dass viele Produkte einen Extra-Aufkleber/Aufdruck/Banderole bekommen haben, dass sie „koscher zu Pessach“ sind, gingen dazu auch noch ganze Kofferraumladungen Matzot über die Kasse. Matzot sind hauchdünne gebackene Scheiben aus Mehl und Wasser, die eine Woche lang Brot ersetzen sollen.
Denn zu Pessach darf nichts Gesäuertes (hebr. chamez) gegessen oder getrunken werden. Gesäuert ist alles, was aus Weizen, Gerste, Roggen, Hafer und Dinkel hergestellt wurde. Klingt, als wäre nur Brot und Müsli betroffen? Wenn man überlegt, woraus die Panade für Schnitzel besteht, woraus Pasta gemacht wird und woraus Eiswaffeln bestehen, merkt man doch – ähnlich wie bei einem Strom- oder Wasserausfall – wie abhängig man von diesen Getreiden ist. Vodka ist übrigens ein Grenzfall: Ein kartoffelner Vodka ist pessach-koscher während der dem Blog namensgebende ABSOLUT aufgrund seiner Weizenherkunft hinter eine Plastikplane verschwindet. Obwohl es keine gesetzliche Pflicht ist, seine Geschäft zu „entsäuern“, macht es doch der überwältigende Großteil der Betreiber. Ähnlich wie in Deutschland mit Weihnachten, wo viele wahrscheinlich nicht mehr wissen, was da eigentlich gefeiert wird, begehen auch viele säkulare Juden Pessach. Laut einer neuesten Umfrage essen 67% der jüdischen Israelis während der Pessach-Woche nichts Gesäuertes. Um dieser Tradition Folge zu leisten, kleben die meisten Läden die Regale mit gesäuerten Produkten mit Plastikfolie ab – inklusive Hundefutter…

Ganz interkulturell inkompetent kam ich in der Eisdiele rüber, wo ich Sahlab-Eis in der Waffel bestellen wollte. Das erste benötigt Weizenstärke, das zweite Weizenmehl. Was ein Sündenpfuhl so eine Eisdiele doch zu Pessach sein kann! Statt des sonst üblichen Zitronenkuchen-Geschmacks gab es für eine Woche „Zitronenkuchen-koscher-zu-Pessach“-Eis. Im Becher.
Auch der für alle Notfälle gewappnete Süßigkeiten-Automat im Hof des Studentenwohnheims wurde zu Pessach koscher gemacht und bietet momentan nur vier oder fünf Produkte an. Das muss man sich mal vorstellen: Da kommt jemand vorbei, um den Automaten auszuräumen, die Produkte irgendwo einzulagern, um sie eine Woche später wieder einzuräumen.
In Privathaushalten wird gemäß jüdischer Sitte die gesamte Wohnung, besonders die Küche, Kühlschrank und Herd gründlich geputzt, um alles Gesäuerte zu entfernen. Mögliche Brotreste und Kuchenkrümel werden dann nicht nur weggeschmissen, sondern teilweise gleich noch verbrannt. Auf diese Säuberung geht übrigens die uns bekannte Tradition des Frühjahrsputzes zurück.
Was es mit dem gesäuert und ungesäuert auf sich hat? Als die Juden aus dem ägyptischen Exil flohen (auch wenn es klingt, als könnte das auch heute noch Realität sein, passierte das schon vor mehr als 3000 Jahren), hatten sie in der Eile keine Zeit, normales Brot herzustellen und buken ebenjene Matze aus Wasser und Mehl ohne Triebmittel. Die Weisung, es auch heute noch so zu machen, steht im Alten Testament (Exodus 12, 15-20). Wer dennoch nicht auf Kuchen und Panade verzichten möchte, findet in den Geschäften spezielles Matze-Mehl. Wieder mal Gott ein Schnippchen geschlagen! Ich weiß nur noch nicht, was jetzt mit mir passiert, nachdem ich doch Läden gefunden habe, die normales Brot verkaufen und ich einen Vers weitergelesen habe: „Denn wer gesäuertes Brot isst, der soll ausgerottet werden aus der Gemeinde Israel, auch ein Fremdling oder ein Einheimischer des Landes.“ Vielleicht erklärt man mich ja zur persona non grata…

Wie alle jüdischen Feiertage fängt auch Pessach am Abend davor mit dem sogenannten Seder an, weil im Judentum der Mondkalender gilt. Und als ich dann mit dem Rad rausgefahren bin, um meine Eltern im Hotel zu besuchen, habe ich mir vorstellen können, wie sich Moslems in Deutschland an Heiligabend fühlen. Alle Menschen auf der Straße waren etwas feiner angezogen, trugen große Mengen selbstgemachten Essens dorthin, wo sie eingeladen waren und die Straßen waren wie leergefegt. So still und ausgestorben habe ich Tel Aviv noch nie erlebt. Auf einer der Hauptmagistralen, Ibn Gvirol, hätte ich tanzen können, wenn mir danach gewesen wäre. Aber wer weiß schon, welches Buch Mose mir gerade das verboten hätte.
Heute am Freitagabend endet das einwöchige Pessach-Fest oder wie es für die vielen Säkularen in Tel Aviv auch heißt: חג אביב – Chag Aviv – Frühlingsfeiertag.
Allen also nachträglich: חג פסח שמח (Chag Pessach Sameach) und, meinen Lesern wohl eher, Frohe Ostern!