Wenn National Geographic ein Museum zu den zehn eindruckvollsten Museen zählt und die altehrwürdige New York Times eine Liste mit der kruden Zahl der 29 faszinierendsten Kunsteinrichtungen der Welt führt und ebendieses Museum unter ihnen ist, dann müsste man eigentlich davon ausgehen, dass die Leute Schlange stehen, LonelyPlanet und Baedeker es als Must See anführen und zumindest ein Wikipedia-Artikel besteht. Nicht so das Museum on the Seam in Jerusalem, das größtenteils mit Hilfe der großen Von-Holtzbrinck-Verlagsgruppe entstanden ist. On the Seam (Naht, Fuge) weil es genau auf der Grünen Linie steht, die seinerzeit Jerusalem und Jordanien getrennt hat. Linkerhand ist das Ultraorthodoxen-Viertel Mea Shearim und rechterhand ein arabisches Viertel (quasi Ost-Jerusalem). Während der arabisch-israelischen Kriege war das Haus, das heute das Museum beherbergt, ein Militärposten, was man nicht nur an den immer noch vorhandenen Schießscharten, sondern auch an den unzähligen Einschusslöchern bemerkt.

Das Konzept des Museums ist so außergewöhnlich wie simpel: sozio-politische Debatten werden aufgegriffen und durch Kunst verschiedener Art dargestellt und sollen natürlich zum Weiter- und Querdenken anregen. Die Ausstellungen wechseln regelmäßig, weshalb der Besuch des Museum nicht auf ein einziges Mal beschränkt sein muss. Vorherige Ausstellungen handelten von Ungleichheit, Gewalt, Identität und Fremdheit, Mensch und Natur, Privatsphäre, Protest, und dem Kampf der Kulturen. Die momentane Ausstellung befasst sich mit Erinnerung – individueller, kollektiver und politischer – und schließt sich damit im Grunde an meine Präsentation in der letzten Woche zur Beziehung von Erinnerungspolitik und Nationalismus an.
Wie bei jeder Ausstellung gibt es Stücke, die beeindruckend und einleuchtend in ihrer Konzeption sind, und Exponate, die genauso in der Ausstellung „Albino-Zebras malen Caspar David Friedrich nach“ ausgestellt werden könnten und wo man sich denkt: „Ugh, dieser Künstler sollte ernsthaft die Finger von den Drogen lassen!“

Gut gefallen hat mir beispielsweise das große Panorama vom Ground Zero, das Wim Wenders im November 2001 geschossen hat. Natürlich lassen sich die meisten Exponate nicht einfach beschreiben, das macht es ja gerade aus, dass man sozusagen erstmal selber durchdringen muss. Der Guide, den man bekommt, ist dabei manchmal eine große Hilfe. Größtenteils geht es um die Frage, wie Erinnerung seine Rolle erfüllt um die Zukunft zu beeinflussen – positiv oder negativ. Und dass das, was man oft sieht, nur im Kontext Sinn ergibt und daher alles interpretiert werden muss und daher manchmal eben auch uminterpretiert werden kann.
Auf jeden Fall ein sehenswertes Museum. Ob National Geography und NYT richtig liegen? Dafür habe ich in meinem Leben zu wenig außergewöhnliche Museen gesehen und bisher habe ich Kunst, nun ja, nicht gemieden, aber auch nicht aufgesogen. Ich bin gespannt, welche Ausstellung als nächste im September kommt. Die bereits erwähnten Ausstellungen klingen zumindest so als wären sie noch interessanter als die, die ich gesehen habe.