Es wäre vollbracht! Mein zweites Trimester ist tatsächlich überstanden. Das war ein hartes Stück Arbeit, ging ohne Zweifel etwas an die vielbeschworene Substanz – und ist ja im Grunde noch nicht vorbei. Drei Hausarbeiten müssen noch bis September abgegeben werden, aber die Vorlesungen, Präsentationen und Klausuren sind geschafft. Das dritte, letzte (und sehr, sehr kurze) Trimester beginnt in nicht einmal zwei Wochen, allerdings sind das zwei Blockseminare, deren Hausarbeitsabgaben dann wohl im nächsten Jahr Dezember liegen dürften. Dies also vorneweg, falls sich der ein oder andere Leser gewundert hat, warum länger schon keine Neuigkeiten von mir zu hören waren. Dazu kam ja noch die Europameisterschaft, aber dieses „Problem“ hat sich ja nun seit gestern auch erledigt…
Dennoch hatte auch diese intensive Phase ein Highlight parat, wovon ich nicht nur heute, sondern wahrscheinlich noch meinen Kindern erzählen werde. Bei der dreitägigen Israeli Presidential Conference in Jerusalem habe ich vermutlich mehr gelernt als in den drei Vorlesungen, die ich dafür willentlich verpasst habe. Zum bereits vierten Mal fand die Konferenz unter der Schirmherrschaft des israelischen Präsidenten, Shimon Peres, statt. Drei Tage von morgens bis abends mit unzähligen Podiumsdiskussionen und einer Galaveranstaltung am Eröffnungsabend, die es wahrlich in sich hatte: In der 90-minütigen Veranstaltung durfte ich gleich drei lebenden Legenden lauschen: neben Shimon Peres auch noch dem Godfather of Diplomacy, Henry Kissinger, und dem Sondergesandten des Nahost-Quartetts, Tony Blair. Rührend, wie sich die beiden 89-jährigen Staatsmänner umarmten wie beste Freunde nach Jahren des Nichtsehens und Kissinger sich wünschte, „dass meine Eltern hier wären“ als er den Israeli Presidential Award erhielt. Ich fand es ja immer schlimm und sehr hochtrabend, wenn jemand von jemanden sagte, er oder sie sei „inspirierend“, aber Shimon Peres, den ich im Verlauf der Konferenz noch dreimal hören durfte, gehört eindeutig in diese Kategorie. Diese geistige Frische in dem hohen Alter und diese Fähigkeit, dass ihn scheinbar nichts aus der Ruhe bringen kann, haben meinen Unterkiefer einfach mal ausklinken lassen.
Bevor ich mich an der Auflistung der Persönlichkeiten, deren Expertisen diese Konferenz bereicherten, ergötze, muss ich eins vorneweg sagen, was gleichzeitig irgendwie beruhigend ist: Menschen in den höchsten und verantwortungsvollsten Positionen sind dort nicht umsonst. Diese Leute vereinen einfach Eigenschaften, die jeder teilweise innehat, allerdings kombiniert nur selten anzutreffen sind: das Denkvermögen, die Argumentationsweise, die Eloquenz, von den Präsentationsfähigkeiten ganz abgesehen. Die Liste der Teilnehmer reicht in der Tat für einen ganzen Abend bei Wikipedia (und die Reihenfolge ist willkürlich): Daniel Kahneman, Eric Schmidt, Yuri Milner, Ayaan Hirsi-Ali, Dennis Ross, Meir Dagan (das Foto mit ihm schafft es irgendwann in mein Botschafter-Büro), John Chambers, Shimon Stein, Martin Wolf, Edward Luttwak, Moshe Arens, Anthony Cordesman, Gabi Ashkenasi, Dan Chalutz, Avigdor Lieberman, Natan Sharansky, Nir Barkat. Man könnte die Liste noch weiterführen. Dass ich direkt nach einer hitzigen Podiumsdiskussion mit dem deutschen Botschafter in Israel einer Vorlesung der Sexualtherapeutin schlechthin, Dr. Ruth („1 Meter 40 konzentrierter Sex“), beiwohnen (nein, nicht beischlafen) konnte, ist wohl auch nur in Israel möglich. Die Themenpalette war überwältigend, für jeden war immer was dabei. Es mag albern klingen, aber drei Tage lang interessanten Diskussionen zu folgen, kann wirklich müde machen. Man möge verzeihen, dass ich hier nun noch kein Wort über die eigentlichen Inhalte verloren habe. Erstens interessiert es wahrscheinlich nicht jeden und zweitens wäre es nie im Leben möglich, dies in meine sowieso schon langen Einträge (für manche, zu langen Beiträge; ich weiß Bescheid!) zu pressen. Bei der Diskussionsdichte hat es sich schlichtweg angefühlt, als hätte ich in drei Tagen ein viertes Trimester eingeschoben. Wäre Wissen Wasser, wäre in der Kongresshalle Land unter gewesen. Einfach grandios, dass ich die Möglichkeit hatte, daran teilzunehmen!
Apropos Wasser. Ein kräftiges Gewitter (wie mir aus Deutschland in apokalyptischen Gleichnissen berichtet wird) über Tel Aviv täte mir unheimlich gut. Es ist unausstehlich heiß und schwül geworden und wenn noch jemand sagt „Studieren, wo andere Urlaub machen!“, dann setzt’s was. Und ”das Schlimmste” ist ja noch nicht einmal erreicht. Zu meinem Bruder meinte ich letztens frei nach Stromberg’s Ernie, dass das hier „ein Sommergefängnis“ ist – ohne Aussicht auf Freigang (Nachttemperaturen unter 25 Grad), Urlaub (Regen) oder Ausbruch (Gewitter). Meine Haft endet am 4. September – dann geht es für zwei Wochen ins hoffentlich verregnete Deutschland :-)